
Anstoß zur Gründung der "DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei" und der "Deutsche Stiftung Leben Spenden" gab das Schicksal von Mechtild Harf.
Im August 1990 erhielt Mechtild Harf, Mutter von zwei Töchtern, die ernüchternde Diagnose: akute lymphatische Leukämie. Ihr behandelnder Arzt, Professor Dr. med. Dieter Hoelzer, Frankfurt am Main, stellte die Erkrankung damals fest. Der Diagnose waren klassische Symptome vorausgegangen: im Juli 1990 während ihres Urlaubs, litt Mechtild Harf plötzlich an leichtem Fieber und fühlte sich abgeschlagen. Nach dem Rückflug kam sie direkt ins Krankenhaus.
Der Chemotherapie folgten Bestrahlungen. Trotz dieser Behandlung erlitt die gelernte Volkswirtin im Februar 1991 einen Rückfall; die Krebszellen konnten nicht völlig zerstört werden. Ab diesem Zeitpunkt war klar: Hoffnung und Chance auf Leben der 1946 geborenen Patientin bot eine Stammzelltransplantation - als jetzt alleinig erfolgversprechende Therapie. Hierzu nahm die Familie Harf Kontakt zu Transplanteuren und Knochenmarkspenderdateien in der ganzen Welt auf. Ziel war es zu erkunden, an welchen Orten entsprechende Kliniken bereits Erfahrungen mit Stammzelltransplantationen hatten und zu recherchieren, ob es eventuell Spender mit den erforderlichen möglichst vollständig übereinstimmenden Gewebemerkmalskombinationen gab.
Deutschland galt zu Anfang der 90er Jahre als Diaspora in Sachen Stammzellspender. Nur "eine Hand voll" Bundesbürger, d.h. rund 3000 Menschen, waren damals als potenzielle Stammzellspender in Essen und Ulm registriert. Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland einen Menschen mit sechs Gewebemerkmalen zu finden, die mit denen eines Patienten nahezu 100-prozentig übereinstimmten, war zu dem Zeitpunkt fast gleich Null. In den USA (320.000 Freiwillige), in Großbritannien (170.000), Frankreich (60.000) wurden zu dieser Zeit schon umfangreiche Karteien geführt.
Ihr Ehemann Dr. Peter Harf begann sofort mit der Suche nach einem passenden Stammzellspender. Nach erfolgloser Familientypisierung entschied sich die Familie für einen damals ungewöhnlichen Weg. Im Januar 1991 gründete man die Initiative "Hilfe für Leukämiekranke". Sie plante und führte in Großstädten wie Ludwigshafen, Frankfurt, Köln und Düsseldorf öffentliche Typisierungsaktionen durch. Im Wettlauf um das Leben seiner Frau mobilisierte Dr. Peter Harf für diese Aktionen das Rote Kreuz, die Deutsche Krebshilfe und die Spenderdatei Stefan-Morsch-Stiftung, Birkenfeld. Die beiden Töchter, 13 und 15 Jahre, gingen mit dem Flugblatt "Wir bitten Sie in unserer Verzweiflung um einen 10 ml-Bluttest, er könnte unserer Mutter helfen!" an die Öffentlichkeit. Während der Aktion in Frankfurt-Sachsenhausen ließen sich zwischen dem 10. und 12. März 1991 mehr als 1.200 Spender registrieren, in Ludwigshafen beteiligten sich Ende Februar 1991 über 640 Menschen. Damit nicht genug: Dr. Harf suchte auf Grundlage der Gewebemerkmale seiner Frau (HLA-Ergebnisse) sogar weltweit nach geeigneten Spendern.
Letztendlich konnte über Professor Dr. med. Shraga Goldmann, Leiter der Ulmer Blutspendezentrale und Immunologe an der dortigen Klinik, eine Stammzellspenderin für Mechtild Harf gefunden werden: die 23-jährige Studentin der Sozialpädagogik, Cornelia Christ aus Geislingen.
Im Rahmen eines gewöhnlichen Blutspendetermins bei der Ulmer Blutspendezentrale im Herbst 1990 war Cornelia Christ auf einen Aufruf zur Stammzellspende aufmerksam geworden, und sie ließ sich nach einem Informationsgespräch typisieren. Der Hintergrund: Professor Goldmann engagierte sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf zwei Gebieten: der Blutspende sowie der systematischen Bündelung potenzieller Stammzellspenderdaten. Gewebemerkmale aus Familientypisierungen lagen in seiner Kartei bereits vor, da er seit 1978 Knochenmarktransplantationen durchführte. Erstere wollte er durch Daten möglicher Fremdspender ergänzen. Sein Ziel war es, bei der Suche nach geeigneten Spendern für Leukämiekranke effektiv und schnell auf einen entsprechenden Datenpool zugreifen zu können.
Bei der umfangreichen Suche nach einem geeigneten Arzt traf die Familie Harf auf den Tübinger Transplanteur Professor Dr. med. Gerhard Ehninger - bereits zu diesem Zeitpunkt ein Internist mit langjähriger Erfahrung. In Professor Ehninger fand man auch einen engagierten Befürworter einer nationalen Knochenmarkspenderdatei. Durch seine tägliche Praxis war ihm die Problematik von Patienten mit Leukämien und deren Angehörigen vertraut: Die Tatsache, auf einen fremden, nicht verwandten Spender angewiesen zu sein, ließ damals viele verzweifeln. Diese Situation galt es zu verändern.
Bereits ein halbes Jahr nach Christs Ersttypisierung, Ostersonntag 1991, kam die Anfrage von Professor Goldmann aus Ulm. Cornelia Christ erklärte ihre Bereitschaft zur Knochenmarkspende. Umgehend setzte sich der Transplanteur Professor Dr. Ehninger mit der Lebensspenderin in Verbindung. Er teilte ihr mit, dass zwei Personen als Spender für Mechtild Harf in Frage kämen - sie und ein Mann aus New York. Sollte Cornelia Christ ihr endgültiges Einverständnis geben, würde er sich für sie als Spenderin entscheiden. Nach kurzer Bedenkzeit gab sie am darauf folgenden Tag ihre Einwilligung - entgegen dem Ratschlag ihrer Familie. Professor Ehninger forderte sie jetzt auf, umgehend in ein Taxi zu steigen und zur Voruntersuchung nach Tübingen zu kommen.
Am 15. April 1991 war es soweit: Mechtild Harf wurden gesunde Stammzellen von Cornelia Christ übertragen. Zwischen Diagnose und Transplantation lagen nicht mehr als ein drei viertel Jahr. Sowohl die Entnahme der Stammzellen aus dem Beckenkamm als auch die Transplantation wurden in der Universitätsklinik Tübingen durchgeführt. Da es zu Beginn der 90er Jahre noch keinen sogenannten "Spenderschutz" gab - der heutzutage ein Treffen erst nach zwei Jahren möglich macht -, lernten sich Mechtild Harf und Cornelia Christ bald darauf persönlich kennen.
Trotz anfänglich erfolgreicher Übertragung der Stammzellen, kam es zur Folgewirkung des Transplantates gegen die Empfängerin (Graft-versus-Host Reaktion), bei der das mit dem Knochenmark transplantierte Immunsystem der Spenderin Cornelia Christ die Körperzellen der Patientin Mechtild Harf als fremd erkannte und dagegen reagierte. Die GVH konnten aber überwunden werden.
Knappe vier Monate nach der Transplantation starb Mechtild Harf am 16. September 1991 an Knochenmarkversagen und anschließender Lungenentzündung.
Um die bundesdeutsche Situation in Sachen Stammzellspender richtungweisend zu verändern, gründeten der damalige Ehemann Dr. Peter Harf und Professor Dr. med. Gerhard Ehninger, aus privater Initiative heraus, am 28. Mai 1991 in Tübingen die DKMS Deutsche Knochenmarkspenderdatei gemeinnützige Gesellschaft mbH.