„Zeit ist das Kostbarste was man einem anderen Menschen schenken kann“

27 November 2018

Der Moment des Aufeinandertreffens

Montag, 03. September 2018. Zusammen mit meiner Familie und meiner Freundin fahre ich die langgezogene Einfahrt mitten im Bundesstaat New York, USA, entlang. Wir fahren durch ein kleines Waldstück und erreichen schließlich das Haus von George.

George ist mein genetischer Zwilling und der Empfänger meiner Stammzellen. Seine ganze Familie wartet dort nur auf mich, einen eigentlich völlig Fremden aus Deutschland. Mein Vater stoppt den Wagen und ich steige aus. Zweieinhalb Jahre nach dem Brief, der mir sagte ich sei ein geeigneter Spender, fallen George und ich uns in die Arme, als wären wir schon immer Freunde. An einen aufregenderen und noch besonderen Moment kann ich mich nicht erinnern. Ich hatte keine Idee, wie dieser Moment werden würde und bin dennoch völlig überwältigt.

Die Vorgeschichte

Alles begann für mich vor mehr als zweieinhalb Jahren. Damals bekam ich einen Brief von der DKMS, ich sei für eine Spende geeignet, solle mich weiter untersuchen lassen. Einen Grund für meine einstige Typisierung gab es nicht wirklich. Mehr der Zufall oder das Schicksal war es, ganz wie man es sehen mag, was mich einst zu diesem Schritt bewegt hatte.

Nach weiteren Tests war klar, dass ich der „passende“ Spender bin. Die Vorbereitungen vor der Spende waren denkbar einfach. Ein paar Tage lang musste ich mir ein Medikament unter die Bauchfalte spritzen, welches noch mehr Stammzellen ins Blut schwemmen sollten, um dann herausgefiltert zu werden – das war’s. Ein operativer Eingriff war dazu nicht nötig. Schmerzen hatte ich über die gesamte Behandlungsdauer keine, nur ein wenig merkte ich die Nebenwirkungen (Kopf- und Gliederschmerzen) des Medikamentes. Nach ein paar Stunden, die die Spende letztlich gedauert hatte, war die Geschichte hier erstmal für mich zu Ende.

Zwei Jahre gingen ins Land, in der mein „Twin“ und ich – so nennen wir uns gegenseitig – uns zahlreiche anonymisierte Briefen geschrieben hatten. Endlich sollte ich dann die vollständige Identität meines genetischen Zwillings kennen lernen. Viel wusste ich bis dato nicht über ihn, aber seine Dankbarkeit wurde in jeder seiner Nachrichten deutlich. Der Moment, den Namen zu erfahren und auch sein Wohnort und andere persönlichere Dinge, war aufregend. Mindestens so schön war die erste Email, die George mir danach geschrieben hatte. 

Der erste Besuch

Weitere Monate vergingen, in der wir mehrmals wöchentlich Emails schrieben, um den anderen besser kennen zu lernen und am Alltag des anderen teilzuhaben, bis meine Familie und ich uns entschieden im September dieses Jahres eine Reise in die USA zu machen und George und seine Familie zu besuchen. Die Zeit bis dahin verging wie im Flug. Im Laufe der Zeit hatten George und ich uns besser kennen gelernt und neben einem gemeinsamen Immunsystem teilen wir beide die Leidenschaft zur Feuerwehr. Das war auch der Anlass George ein ganz besonderes und persönliches Geschenk mitzubringen. Dank der Unterstützung meiner Freunde und der Firma Seiz in Metzingen konnten wir für ihn und mich ein Paar Feuerwehr-Handschuhe in individuellem Design entwerfen und nähen lassen, die George und mich seitdem auch bei unserem gemeinsamen Hobby verbinden.

Drei Tage wollte ich uns bei unserem ersten persönlichen Treffen geben, die intensiver nicht hätten sein können, da anfangs doch eine kleine Unsicherheit bestand, wie gut man sich tatsächlich „live und in Farbe“ verstehen würde. Viele Gespräche über den Verlauf und die Heilung der Krankheit, über das Entbehren während der Krankheit und die erste Pizza danach, aber auch viel Zeit, die wir mit Georges Kindern und Enkelkindern verbrachen, schuf schnell eine wunderbare Verbindung und intensive Freundschaft zwischen allen Beteiligten.

Neben der Dankbarkeit für die Spende, die mir seine Familie entgegenbrachte, war es auch die Freude über unseren Besuch und die Offenheit einen „Fremden“ zu besuchen, die George immer wieder zum Ausdruck brachte. Ein Satz, den er an einem Abend sagte, als wir auf seiner Terrasse am Lagerfeuer saßen, bringt das Gefühl, das wir beide während unseres ersten Treffens hatten auf den Punkt: „Zeit ist das Kostbarste, was man einem anderen Menschen schenken kann“. Ein Satz, der für die ganze Geschichte von George und mir steht.