Nikolas Stammzellspende für einen 72-jährigen Amerikaner

25 November 2013

„Schwester Corinna schließt die Rollos. Die Sonne scheint zu stark in das Kölner Klinikzimmer. Ich liege auf einem großen Stuhl, die Rückenlehne nach hinten gestellt, und sehe mir einen Film an. Um meinen Nacken schmiegt sich ein Schlauch, durch den wohlig warm mein Blut fließt. Der Schlauch ist an meinem rechten Arm angeschlossen. Mein Blut strömt hier raus, in eine Maschine neben mir und schießt dann in meinen linken Arm wieder rein. Ich bin kerngesund. Das hat mir vor einigen Wochen eine Ärztin bescheinigt. Trotzdem hänge ich an Infusionen und darf mich nur wenig bewegen. Doch ich weiß, wofür ich das tue. Ich spende Stammzellen.

Seit 2007 bin ich bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei registriert. Mit 18 Jahren nahm ich an einer Fahrt meiner Schule in Friesoythe zu einer DKMS-Registrierungsaktion in Cloppenburg teil. Zwei freie Schulstunden inklusive. Die Entscheidung mitzufahren, fiel mir damals nicht allzu schwer. So kam ich zur DKMS und hörte erst mal nichts mehr von der Organisation. Das änderte sich im Juli 2013.

Ihre Merkmale passen mit einem Empfänger zusammen.

Denn am heißesten Tag des Jahres lag ein Päckchen im Briefkasten meiner Eltern. Diese Adresse hatte ich damals bei der Registrierung angegeben und nicht geändert. „Ihre Merkmale stimmen mit denen eines möglichen Empfängers überein“, stand in einem Schreiben. Ich lasse mir beim Hausarzt wieder Blut abnehmen und schicke es zur DKMS. Wieder höre ich wochenlang nichts. Am 28. August klingelt nachmittags mein Telefon. Nina Gudella, Teamleiterin der Stammzellenkoordination der Firma Cellex in Köln, fragt mich, ob ich es schon wüsste: „Ihre Merkmale passen mit einem Empfänger zusammen. Stehen Sie als Spenderin noch zur Verfügung?“, fragt sie. Ja, antworte ich.

Auf einmal bin ich mitten in der Spendenmühle. Termine werden gemacht, Sonderurlaub beim Betrieb eingereicht. Anfang Oktober dann die Voruntersuchung in Köln. Großes Blutbild, Schwangerschaftstest, Ultraschalluntersuchung – „ein bisschen wie schwanger sein“, denke ich schmunzelnd. Im Wartezimmer treffe ich Laisa. Die 27-Jährige wurde ebenfalls ausgewählt. Sie erzählt mir, dass sie sich hat registrieren lassen, weil der Bruder eines Freundes an Leukämie erkrankt war. „Leider ist er trotzdem gestorben, weil ein potenzieller Spender kurz vor der Spende abgesprungen ist“, sagt sie. Sie spendet Knochenmark aus ihren Beckenknochen. Mir erklärt die Ärztin, dass für mich die sogenannte periphere Stammzellentnahme infrage kommt. Das heißt: Vier Tage vor der Spende muss ich mir morgens und abends selbst eine Spritze setzen.

Ich weiß ja, wofür ich es mache.

Als mir Schwester Agnes dann den Jutebeutel mit den vielen Injektionspackungen in die Hand drückt, wird mir erstmals mulmig. Spritzen kenne ich nur aus dem Krankenhaus. Jetzt sitze ich am Donnerstag vor der Spende an meinem Couchtisch und schaue mir meinen Plan an. Das Mittel Granocyte wird nach Krebstherapien zur Vermehrung der weißen Blutkörperchen angewendet. Nun soll ich es mir injizieren. Die Nebenwirkungen im Beipackzettel lese ich mir nicht durch. Grippeähnliche Symptome, das wurde mir bei der Voruntersuchung gesagt, und die Info reicht mir. In der Packung finde ich eine Ampulle mit weißem Pulver, eine Spritze mit Wasser und zwei Nadeln. Ich setze eine der Nadeln auf die Spritze, etwas Wasser tropft raus, ich werde unsicher. Damit steche ich in die Ampulle und flute das weiße Pulver. Als alles aufgelöst ist, wechsel ich die Nadel und ziehe die Flüssigkeit auf. Ich probiere hin und her, bis ich den richtigen Winkel habe. Als alles in der Spritze ist, ziehe ich mein T-Shirt hoch, greife mir eine Bauchfalte und überlege. Schnell oder langsam? Ich entscheide mich für schnell und ramme die Spritze in meinen Bauch. Die Injektion fließt in meinen Körper. Ich spüre nichts.

Das bleibt bis Sonnabend so. Morgens und abends spritze ich mich und lebe normal weiter. Erste grippeähnliche Symptome stellen sich ein. Die Kopfschmerzen sind das kleinere Problem. Schlimmer sind die krampfartig auftretenden pulsierenden Schmerzen im Beckenknochen und in der Brustwirbelsäule. Immer wieder zucke ich zusammen. Schmerztabletten bringen nur bei den Kopfschmerzen Besserung. Ich weiß ja, wofür ich es mache.

Ich darf dem Mann einen Brief schreiben und in zwei Jahren vielleicht kennenlernen.

Der Entnahmetag beginnt um 5.30 Uhr. Zwei Stunden vor der Spende muss ich die letzte Spritze setzen. Mit kleinen Augen stehe ich im Bad meines Hotelzimmers, das die DKMS mir gebucht und bezahlt hat. Über meine Geschicklichkeit mit der Spritze freue ich mich ein bisschen. Dann geht es in die Klinik. Schwester Agnes empfängt mich auch hier. Sie erklärt Schritt für Schritt, was sie macht. Meine rechte Hand ist fixiert und darf nicht bewegt werden. Mein Blut fließt in eine Maschine rechts neben mir. Alle zehn Minuten fängt die an, sich zu schütteln und Geräusche wie eine Waschmaschine im Schleudergang zu machen. „Das Blut wird zentrifugiert und in drei Schichten gespalten“, erklärt Agnes. Die Zellen fließen in Form einer lachsfarbenen Flüssigkeit in einen Beutel über meinem Bett. 4,25 Millionen Stammzellen werden aus meinem Blut gefiltert. Nach zehn Minuten an der Maschine fangen meine Lippen an zu kribbeln, auch meine Beine werden unruhig. „Das ist der ACE-Hemmer“, erklärt Schwester Corinna und schließt mich an eine Calcium-Infusion an. Vier Stunden liege ich mit zwei anderen Frauen in dem hellen Klinikzimmer und sehe, wie mein Blut zu immer neuen Runden durch die Maschine ansetzt. Nichts kribbelt mehr, ich habe kaum noch Schmerzen. Um 12.30 Uhr darf ich zurück in mein Hotel.

Den Rest des Tages ist nichts mehr mit mir anzufangen. Aber ich weiß ja, wofür ich es mache. Nämlich für einen 72-jährigen US-Amerikaner, das sagt mir Nina Gudalle am Morgen nach der Spende. Vorher wusste ich es nicht. Ich darf dem Mann einen Brief schreiben und in zwei Jahren vielleicht kennen lernen.“