„Es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden“ - Ralph erzählt über seine Stammzellspende

6 Oktober 2014

Anfang der 1990er Jahre waren Talkshows ein sehr beliebtes Format im deutschen Fernsehen. Viele Moderatoren verstanden es besonders gut, ihren Zuschauern auf die Tränendüse zu drücken. Es war 1993 oder 1994, als ich in einer dieser Talkshows einen Aufruf zu einer Registrierungsaktion in Koblenz sah. Man suchte damals vergeblich einen passenden Spender für einen kleinen Jungen. Die Geschichte nahm mich sehr mit und ich fasste den Entschluss mich registrieren zu lassen. Mit der Bahn fuhr ich von Luxemburg nach Koblenz. Damals war ich gerade 20 Jahre alt und traute mir noch keine langen Strecken mit dem Auto zu. Das Navigationssystem war damals für mich ebenfalls noch in weiter Ferne. Viele Menschen waren dem Aufruf gefolgt und ließen sich an diesem Tag registrieren.

Die DKMS schickte mir ein Schreiben mit der Bestätigung, dass ich nun als potentieller Stammzellspender registriert sei. Ich erhielt immer mal wieder Post von der DKMS, aber keine Aufforderung Stammzellen zu spenden. Erst zehn Jahre später bekam ich die Mitteilung, dass meine genetischen Merkmale und die von zwei weiteren registrierten Menschen, zu einem an Blutkrebs erkrankten Patienten passen. Mir ging sofort durch den Kopf: “Oh Gott, und jetzt?“ Zu dieser Zeit bereitete ich mich gerade auf eine wichtige Prüfung vor und die Festanstellung bei der Bahn in Luxemburg stand mir unmittelbar bevor.

Zur genaueren Bestimmung meiner genetischen Merkmale wurde eine weitere Blutprobe per Eilkurier abgeholt. Danach hörte ich zunächst nichts mehr von der DKMS. Ich dachte schon der Fall hätte sich zum Guten gewendet. Erst im Sommer 2014 kam der überraschende Anruf der DKMS. Auf die Frage hin, ob ich weiterhin bereit wäre, Stammzellspender zu werden lautete meine Antwort: „Selbstverständlich!“ Alles sollte jetzt sehr schnell gehen. Fünf Tage später war ich bereits zur Voruntersuchung in Köln. Im August war ich wieder in Köln zur zweiten Voruntersuchung. Danach zündete ich für meinen genetischen Zwilling eine Kerze im Kölner Dom an. Glücklicherweise konnte mein Arbeitgeber mir an diesen Tagen frei geben. Nur 12 Tage später fand dann schon die Transfusion statt. In dieser Zeit fuhr ich doppelt so vorsichtig, denn mir war als hätte ich stets einen unsichtbaren Beifahrer bei mir im Auto. Ich wollte kein Risiko für meinen Patienten eingehen.

Ein Teil von mir wird auf einem anderen Kontinent hoffnungsvoll erwartet!

An vier Tagen musste ich mir im Abstand von 12 Stunden täglich Spritzen in den Bauch geben. Die erste Spritze des Tages gab es für mich als Busfahrer im Frühdienst dann immer im Bus. Ende August reiste ich zusammen mit einer Bekannten nach Köln. Wir besichtigten das Schokoladenmuseum und am nächsten Tag musste ich schon sehr früh in der Klinik sein. Für die Stammzellspende war alles perfekt geplant und es ging direkt los. Während der Spende schauten wir uns den Film ''Das Parfum'' an und zwischendurch gab es sogar „Leckerlis“. Ich war nach etwas mehr als drei Stunden schon fertig mit meiner Spende. Meine Nachbarn mussten noch eine Stunde länger bleiben. Die Spende war für mich völlig schmerzfrei. Nur danach war mein Akku einfach platt und ich lag vier Stunden lang im Hotel im Bett. Die DKMS-Mitarbeiter waren zu jeder Zeit stets sehr um mich und um meine Mitspender bemüht.

Am Tag nach der Spende besichtigten meine Bekannte und ich noch den Kölner Zoo, denn ich verbinde gern das Nützliche mit dem Angenehmen. Erst am zweiten Tag nach der Spende rief ich bei der DKMS an, um mich zu erkundigen, an wen ich gespendet habe. Ich erfuhr, dass ich für einen 52-jährigen Mann aus den USA Stammzellen gespendet hatte. Mehr darf man mir bis jetzt aus rechtlichen Gründen nicht verraten. Auf dem Weg zur Arbeit schaute ich zu einem Flugzeug hoch und dachte: „Ein Teil von mir wird auf einem anderen Kontinent hoffnungsvoll erwartet“. Es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden. Hoffentlich hat sich der Aufwand aller Beteiligten gelohnt, denn ich bin nur ein kleines Glied in dieser Kette.