Leo Steinhauser lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Dettingen an der Iller, in Oberschwaben. Nicht nur als Kommandant bei der örtlichen Feuerwehr ist er immer hilfs- und einsatzbereit. Auch als die DKMS ihm 2012 mitteilt, dass er als Spender für einen blutkrebskranken Patienten in Frage kommt, steht für ihn sofort fest: Er will helfen.
2008 liest der Techniker im Gemeindeblatt seines Heimatdorfs einen Registrierungsaufruf der DKMS. Ein Junge, den er aus der Feuerwehr und dem gemeinsamen Musikverein kennt, ist an Leukämie erkrankt und benötigt dringend eine Stammzellspende. Sofort ist ihm klar, dass er sich registrieren muss. Er motiviert noch zwei weitere Bekannte und spontan lassen die drei sich bei der Registrierungsaktion im Nachbardorf in die DKMS aufnehmen.
Vier Jahre lang hört Leo nichts von der DKMS – bis Mitte 2012. Als er freitagnachmittags von einer anstrengenden Frühschicht nach Hause kommt, erwartet ihn seine hochschwangere Frau bereits aufgeregt an der Haustür.
Im Brief erfährt der ehrenamtliche Feuerwehrmann, dass er als Spender für einen erkrankten Patienten in Frage kommt. Nach gründlichen Voruntersuchungen steht fest: It’s a match! Leo ist der genetische Zwilling des bisher fremden Patienten. Im September 2012 spendet Leo selbstlos ambulant seine Stammzellen, nur wenige Tage nachdem seine Ehefrau das erste gemeinsame Kind auf die Welt gebracht hat.
Zwei Jahre später, nach Aufhebung der Anonymitätsfrist, stimmt Leo einem Adressaustausch zu. Zu Leos Freude trifft sein Stammzellempfänger dieselbe Entscheidung. Nachdem die DKMS für die Kontaktvermittlung sorgt, kennt Leo dann seinen Empfänger: Dominique (Dom) Hauscarrigaue, 49 Jahre alt, wohnhaft in Kalifornien, USA. Von diesem Zeitpunkt an haben die beiden Männer über Jahre immer wieder schriftlichen Kontakt, bis ins Jahr 2025. In diesem Jahr entscheidet sich Dom, die weite Reise nach Deutschland anzutreten, um seinen Lebensretter ganz persönlich kennenzulernen.
Im Sommer 2025 ist es soweit: Dom reist aus dem „Golden State“ an der US-Westküste in die kleine Gemeinde Dettingen an der Iller im Südosten Baden-Württembergs. An einem Freitagabend wartet Leo vor dem örtlichen Gasthaus, in dem sich Dom für seinen Besuch eingebucht hat, auf seinen Besuch. Es herrscht reger Betrieb, eine Menge Leute sind unterwegs. Als Dom aus der Haustür tritt, erkennt Leo ihn sofort. „Das ist er“, sagt er zu seiner Ehefrau, die ihn begleitet. Zur Begrüßung umarmen die beiden Freunde sich sehr lange, Dom kommen die Tränen.
Was darauf folgt, sind drei ereignisreiche und unvergessliche Tage für den Schwaben und den Amerikaner. Leo und Dom besuchen die hiesige Feuerwehrwache, das Heimatkundemuseum, essen bei Leo zu Hause gemeinsam Mittag und nutzen die Zeit, um sich noch besser kennenzulernen. „Ich habe ihm auch vorgeschlagen, dass wir zum Schloss Neuschwanstein fahren können. Das wollte er aber nicht. Er wollte nur sehen, wie ich so lebe. Das war ihm sehr wichtig“, sagt Leo. So richtig überzeugt haben ihn deutscher Kartoffelsalat und Kraut, erzählt Leo lachend. „Ich hatte schon Sorgen, dass ich den Kellner vom Gasthaus noch mal losschicken muss, um mehr zu besorgen.“
Überall in Dettingen, wo die beiden an dem Wochenende auftauchen, erkundigen sich Bekannte und Nachbarn, wer der amerikanische Besucher ist. Wenn Leo ihnen die bewegende Geschichte erzählt, sind alle berührt. Beim Besuch der beliebten Dorfbäckerei stehen die Kund:innen buchstäblich Schlange, um von der besonderen Verbindung der beiden Männer zu hören. Leo und Dom sind sich in ihrem Vorhaben einig, mehr Menschen über die Stammzellspende aufzuklären. Für beide ist es sehr wichtig, möglichst viele Menschen zu motivieren, sich als Stammzellspender:in zu registrieren.
Leos Transplantation hat dem Amerikaner nicht nur ein zweites Leben, sondern auch einen neuen Bruder geschenkt – „a brother for life“, wie Dom Leo fortan nennt.
Als Dom montags die Heimreise antritt, richtet er seine letzten Worte auf Deutsch an Leo: „Auf Wiedersehen“. In dem Moment kommen Leo die Tränen, und die beiden versprechen sich, in Kontakt zu bleiben und sich wiederzusehen. „So viel wie seit dem Treffen haben wir uns davor noch nie ausgetauscht“, berichtet Leo. Dom hat ihn bereits in die USA eingeladen und schmiedet Pläne, was er seinem deutschen Bruder von seiner Heimat zeigen kann. Auf Doms Vorschlag, einen Helikopterflug am Grand Canyon zu machen, erwidert Leo nur lachend: „Ich hatte nur unser Feuerwehrgerätehaus zu bieten. Das Angebot werde ich mir mal überlegen müssen.“


